1 Tag als Follow Me

Kaum sitze ich im Auto, muss ich schon wieder raus, es geht zur Sicherheitskontrolle. Wie am Flughafen üblich, entledige ich mich meiner Jacke und den Schuhen, mein Hab und Gut durchläuft ordnungsgemäß die Schleuse. Kurz überlege ich, ob das Handgepäck eventuell zu sperrig ist, und muss in mich hinein grinsen. Ja ja, die Macht der Gewohnheit.

Ich bin heute zwar am Flughafen, in Frankfurt am Main, dem größten in Deutschland, doch ich steige nach dem Security-Check nicht ins Flugzeug, sondern ins Auto. Von Follow Me Ralf. Ihn darf ich heute bei seiner Arbeit begleiten, und diese findet auf dem Rollfeld statt. „Wir sind der verlängerte Arm vom Kontrollturm und kümmern uns um die Betriebs- und Verkehrssicherheit“, erklärt mir Ralf. Gespannt und höchst neugierig throne ich auf dem Beifahrersitz – und juble innerlich. Im Auto zwischen all den Flugzeugen herum zu düsen, fühlt sich bereits auf den ersten Metern sensationell an. 

Ralf und seine Kollegen sind dafür verantwortlich, dass die Flugzeuge sicher und hindernisfrei einrollen können. Etwa weisen sie den Maschinen ihren Weg von und zur Start- und Landebahn oder helfen beim Einparken. Bloß bei der Vorstellung, ich müsste ein Flugzeug in eine Parklücke dirigieren oder säße gar selbst am Steuer, bekomme ich den obligatorischen Schweißausbruch. 

Es ist mittlerweile fast 11 Uhr, auf dem Rollfeld ist jede Menge los. Sämtliche Gefährte flitzen über den Asphalt, vom Gepäcktransporter bis zum Passagierbus ist alles vertreten. Fast könnte man meinen, hier fährt jeder nach seinem Gusto. Doch falsch, wie im Straßenverkehr ist alles geregelt. Linien markieren die Wege, Flugzeuge haben Vorrang vor Bussen und Baufahrzeugen. Wer gegen die Vorschriften verstößt, beispielsweise zu schnell fährt, muss im schlimmsten Fall zur Nachschulung oder seine Fahrberechtigung abgeben.

„Charly sechs ist jetzt frei“, meldet Ralf per Funk der Vorfeldkontrolle. Und kurz darauf sehe ich im Rückspiegel einen Riesenvogel um die Ecke biegen, der gleich seinen Parkplatz einnehmen wird. Es ist eine Boeing 747-8, sie kommt von Buenos Aires. Ich darf mit Ralf das Auto verlassen, vorher schlüpfe ich in die gelbe Warnweste. Modisch eher ein Desaster, aber „oben ohne“ ist auf dem Rollfeld strengstens verboten. Sicherheit hat in jeder Hinsicht Priorität eins, und zwar in allen Bereichen. Ich werde für einen Moment trotzdem nervös. Die einparkende Maschine rollt schnurstracks auf mich zu – aus dieser Perspektive wirkt ein Flugzeug ja noch viel größer als sonst. 

Selbstverständlich werde ich nicht über den Haufen gefahren, der Pilot nimmt in ausreichender Entfernung die Parking-Position ein, durch ein kleines Loch in der Flugzeugnase, eine Kamera, kann er mich angeblich beobachten. Er blinkt zweimal auf – und ich bin peinlich berührt, schließlich habe ich mich wie ein Hampelmann vor dem Flieger verrenkt, um möglichst schnell viele Fotos zu schießen. Ob der Pilot gut aussieht?

„Wie wird man eigentlich Follow Me?“, will ich von Ralf wissen. Inzwischen hocken wir wieder im Fahrzeug. Er musste ein Bewerbungsverfahren durchlaufen, bei verschiedenen Tests Punkte sammeln – anschließend absolvierte er eine sechsmonatige Ausbildung, die mit einer Theorie- und Praxisprüfung endete. Sein heutiger Berufsalltag findet in drei Schichten statt: früh, spät und nachts. Die Aufgaben sind rund um die Uhr ähnlich, je nach Tageszeit gibt es aber auch spezielle To Dos. In der Früh etwa, werden alle Positionen auf Verschmutzungen gecheckt, für die Nacht gesperrte Bereiche mit Lichterketten eingekesselt. Seine Anweisungen bekommt er von der Vorfeldkontrolle, mit dem Tower hält er permanenten Funkkontakt. Darüber hinaus ist stets sein wachsames Auge gefragt. Sieht er eine Verschmutzung, einen Passagier auf dem Rollfeld (was höchst selten vorkommt) oder irgendetwas Außergewöhnliches, meldet er dies sofort. Die gesamte Kommunikation wird aufgezeichnet, sein wichtigstes Handwerkszeug ist dabei das Tablet.

Die gute alte Anzeigetafel aus dem Jahre 1972: Immer mal wieder klemmt ein Buchstabe und sorgt für Erheiterung. Der Frankfurter Flughafen verwendet als einziger deutscher Airport die Fallblattanzeigen – eine Art Wahrzeichen.

Ich studiere den kleinen Bildschirm, über den ständig neue Informationen ins „Haus“ flattern. „Früher arbeitete man mit Handfunkgerät, Lineal und Papier“, erklärt mir Ralf mit einem Grinsen. Neben uns verlässt nun eine Maschine ihren Parkplatz, sie wird von einem kleinen Fahrzeug rausgepuscht. „Die Schlepper ermöglichen Flugzeugbewegungen, ohne dass die Triebwerke benutzt werden. Das spart Kerosin und somit Kosten, zudem entlastet es die Umwelt“, klärt mich mein Begleiter auf. Und kaum hatte er ausgesprochen, sind wir wieder auf Tour. 

„Wir wechseln jetzt von Ost nach West“, lässt er mich wissen. Aha. Meine Orientierung tendiert wie auch im normalen Leben gegen Null, ich stiere einfach nur fasziniert aus dem Fenster. Schließlich habe ich ja gelernt, dass ein Follow Me beobachten soll… 

Wir fahren an einer von vier Feuerwehrwachen vorbei, von wo aus 1200 bis 1250 Einsätze pro Jahr verübt werden, die Männer arbeiten in 24 Stunden-Schichten: acht Stunden Arbeitszeit, acht Stunden Ruhezeit, acht Stunden Nachtzeit. Für den Ernstfall wird regelmäßig geprobt. Vom Auslösen des Alarms bis zum Löschvorgang dürfen maximal 180 Sekunden verstreichen, in Frankfurt schafft man es meist in 120.

Im Alltag muss die diensthabende Truppe oft wegen Kleinigkeiten ausrücken, zum Beispiel wenn jemand in verbotenen Zonen raucht oder eine falsche Türe öffnet und Alarm auslöst. „Man muss hier mit so viel rechnen“, sagt Ralf. Allein wenn man an das Passagieraufkommen denkt, kein Wunder. Bei meinem Besuchstag tummelten sich rund 169.000 Reisende am Frankfurter Airport – es fanden 1300 Bewegungen statt, sprich rund 650 Flugzeuge starteten und landeten. Der größte Verkehrsflughafen Deutschlands zählt über 78.000 Mitarbeiter – das sind Dimensionen, mein lieber Schwan. Im vergangenen Jahr wurden übrigens doppelt so viele Tiere wie Menschen bewegt. Bis auf ausgewachsene Elefanten und Giraffen oder einen Blauwal können hier alle Tiere befördert werden. Süß. 

Als mein Follow Me-Einsatz zu Ende ist, darf ich den Herren von der Gepäckabfertigung noch ein Weilchen über die Schulter schauen. Während sie die Koffer in den Flugzeugbauch verfrachten, wird eine Boeing 767 nach Antigua betankt. Heute nur mit 56.000 Litern Kerosin. „Nur?“, verblüfft gucke ich die fleißige Herrenrunde an. Insgesamt passen 90.000 bis 110.000 Liter in den Tank, beim Airbus A380 sind es satte 310.000 Liter. Das Flugzeugbenzin wird dabei unterirdisch zu den Zapfstellen transportiert, obendrein erfahre ich, dass der Sprit in den Tragflächen gebunkert wird. Mein Energietank ist nach dieser Exkursion erstmal leer – Stärkung gibt‘s im Käfer‘s, ich fühle mich gleich wie in der Heimat. Und während ich dann mampfend aus dem Fenster gen Rollfeld blicke, lasse ich meine Reise Revue passieren. Eine spannende Reise, die schon vor dem Abheben begann und endete. 

Der Artikel wurde im Mai 2015 verfasst – dementsprechend beziehen sich alle Infos und Angaben auf diesen Zeitraum.

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