10 bewegende Kilometer durch Gugulethu

Es ist noch nicht einmal 6 Uhr morgens, für einen Dienstag keine ungewöhnliche Uhrzeit. Normalerweise stehe ich um diese Zeit auf, um laufen zu gehen. Daheim in Hamburg. Und hier in Kapstadt tue ich das Gleiche. Allerdings nicht einfach so, sondern ich starte gleich bei einem Wettbewerb. Ja, hier in Südafrika. Es war immer mein Traum, auch mal im Ausland zu racen – jetzt erfüllt er sich.

Es ist der RCS Gugulethu Reconciliation Day Race im Township Gugulethu. Viel mehr Information habe ich nicht. Außer, dass wir Süßigkeiten für die Kinder mitnehmen sollen. Am Tag vorher stiefelte ich also in einen Supermarkt – mein erstes Mal im südafrikanischen Supermarkt – und shoppte allerlei Leckereien: Marshmallows, Lollis, Gummibärchen, alles, was ich am liebsten gleich selbst verschlungen hätte. Ich mampfe auf der Fahrt nach Gugulethu etwas ebenso Köstliches, einen Muffin. Vielleicht keine optimale Wettkampf-Nahrung, aber saulecker. Außerdem werde ich nur auf eine 10 Kilometer-Strecke gehen, inklusive Süßigkeiten-Verteilung – das klingt gemütlich.

Angekommen in Gugulethu

Gugulethu liegt gut 15 Kilometer südöstlich von Kapstadts Zentrum, etwa 99.000 Menschen leben dort. Als wir in das Viertel biegen, fühle ich mich an das Township Langa erinnert. Vor zwei Wochen war ich dort, lernte die ärmlichen Lebensverhältnisse und die tollen Menschen kennen. Wie das wohl in Gugulethu ist? Ob wir Zuschauer haben? Ich muss kurz an das großartige Publikum beim Köln- und Hamburg-Marathon denken, an die Trommeln, an die Schilder, an die Anfeuerungs-Rufe. Wie das hier wohl ist? Viel Zeit zum Nachdenken bleibt wir aber auch gar nicht mehr.

Zwar fuhren wir rechtzeitig in Camps Bay los, doch die Strecke ins Township zog sich – bis zum Startschuss sind es nur noch 25 Minuten. Und wir müssen uns erst mal anmelden! Tatsächlich. Ich dachte, man rennt hier einfach los. Wie blödsinnig von mir…
Ähnlich, wie ich es aus Deutschland kenne, gibt es ein Registrierungs-Office, eine riesengroße Menschentraube steht vor der Türe. Ich spüre einen leichten Anflug von Panik. „Noch 15 Minuten bis zum Start“ tönt es über Lautsprecher. Was, wenn wir keine Startnummer mehr erhalten? Ich würde durchdrehen! Artig reihe ich mich in der „Women“-Schlange ein, es geht zum Glück recht zügig voran. Und endlich, ich lege mein Startgeld auf den Tisch und schnappe mir meine Unterlagen. Die Startnummer pinne ich mit zitterigen Fingern an mein Top, die Sicherheitsnadeln sind rostig und krumm – ich hoffe, das hält. Ebenfalls bekam ich ein Kärtchen, dort muss man seinen Namen und einen „Notfall-Kontakt“ eintragen. Oha.

Ausgestattet mit Smartphone und Sweets
Start-Feeling
Noch wenige Minuten bis zum Startschuss

Inmitten von mehreren hundert Teilnehmern stehe ich am Start, zwei Minuten noch. In meiner linken Hand mein Smartphone, rechts der Süßigkeiten-Sack. Spätestens jetzt schnalle ich, dass das kein gemächlicher Dauerlauf ist, sondern ein echter Wettkampf. Geil! Ich könnte ausflippen vor Freude! Niemals hätte ich gedacht, dass ich in Kapstadt bei einem Rennen mitmache. Gestern lief ich zum Spaß einen Halbmarathon, einfach für mich, an der Küste entlang. War bestimmt nicht optimal vor einem Wettkampf, aber ich bin trotzdem fit. Hoffentlich.

Als der Startschuss fällt, sprinte ich los, ich will mich aus der Masse lösen. Auf dem ersten Kilometer ist Stopp and Go angesagt. Dicht aneinander gedrängt stehen Kinder am Streckenrand, strecken mir ihre Hände entgegen und brüllen „Sweets, sweets, please, sweets“. Ich habe noch nie einen Menschen erlebt, der sich über ein Bonbon so freut, wie die Kids in Gugulethu. Sehr emotional! Leider sind meine Süßigkeiten bereits nach fünf Minuten weg. Hätte ich mal mehr eingepackt, fast habe ich ein schlechtes Gewissen.

„Never give up, never give up“, ruft mir eine ganze Gruppe Kinder zu, sie schwenken kleine, bestimmt selbstgebastelte Fähnchen. Das berührt mich so sehr, ich spüre Tränen in den Augen. Menschen, die fast gar nichts haben, die hier im Armenviertel wohnen, feuern mich an, ich soll nicht aufgeben. Und sie tun das mit so viel Begeisterung und Fröhlichkeit. Selten hat mich etwas so gepackt, wie dieses Erlebnis.

Auf der Strecke

Zum zweiten Mal komme ich jetzt an einer Versorgungsstation vorbei, es gibt Wasserkissen. Man platzt sie auf und trinkt, so einfach ist das. Pardon, es wäre so einfach. Ich kenne nur die Pappbecher von den Läufen in Deutschland und stelle mich echt ungeschickt an. Zwar schaffe ich es, mein Wasserkissen zu öffnen, allerdings landet exakt NICHTS in meinem Mund. Die Sonne brennt mittlerweile ungnädig vom Himmel, es ist bockheiß und super windig. Vor mir liegen noch fast vier Kilometer, ich bin echt schon ein bisschen platt. Doch zuverlässig melden sich mein Kämpfergeist und Ehrgeiz, langsamer werden gilt also nicht. Ich fighte, mein Adrenalin ist eh explodiert.

Ich schaffe einen Endspurt, das Ziel ist jetzt in Sichtweite. Yaaaiii! Durch den Lautsprecher werden wir Läufer motiviert, gepusht, ich genieße dieses Finish so sehr! Schnell schiele ich zur Seite, auf die Uhr. Irgendwas mit 47 Minuten. Für das, dass ich Süßigkeiten verteilt habe und mir der lange Lauf von gestern in den Knochen steckt, bin ich ganz zufrieden. Als mir ein Mädel meine Medaille um den Hals hängt, hüpft mein Herz dermaßen. Das gute Stück bekommt einen Ehrenplatz in meiner Wohnung. Obendrein drückt man mir ein kleines Kärtchen in die Hand, darauf steht die Nummer 135. Es scheint meine Platzierung zu sein, eine separate Wertung von Frauen und Männern gibt es wohl nicht. Und das ist auch gar nicht nötig. Denn eines habe ich ganz bestimmt: gewonnen – soooooo viel!

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