Zu Besuch im Township Langa

Ich kann mich noch gut an meine Reise in die türkischen Berge erinnern – und an die Frage, ob man hier glücklich sein kann. Genau das wirbelt jetzt wieder durch meinen Kopf, ich bin im Township Langa, rund zwölf Kilometer vom Zentrum Kapstadts entfernt. Ein Guide, Buntu ist sein Name, begleitet uns. Er lebt mit seiner Familie in Langa.
Langa bedeutet übrigens Sonne. 

Nach der kurzen Fahrt aus dem Zentrum von Kapstadt steigen wir aus dem Bus. Das Schild „Free Wifi“ sticht mir gleicht ins Auge, ich muss schmunzeln. Deutschland könnte sich eine Scheibe abschneiden… Es ist warm, verdammt warm. Ich binde einen Schal um meinen Kopf. Irgendwie habe ich das Gefühl, dass mein Lichtschutzfaktor 15 hier nicht ganz ausreicht.

Wir spazieren auf einer der Hauptstraßen entlang, links und rechts säumen Hütten den Weg. Hütten ja, keine Häuser. Einige aus Stein, die meisten aus Blech. Es gibt verschiedene Kategorien, von „ganz arm“ bis hin zu „Bewohnern, die es geschafft haben“. Klein sind aber fast alle Behausungen. Dass dort meist mehrköpfige Familien leben, ist schwer vorstellbar. 

Ich sehe einige Kinder herumtollen, sie wirken fidel, fröhlich, lebendig. Dieses Leben hier scheint Normalität zu sein – klar, wer hier geboren wird, kennt nichts anderes. Als mir eine Dame entgegenkommt, frage ich, ob ich sie fotografieren darf. Nach ihrem überschwänglichen Ja knipse ich, zeige ihr das Foto. Daraufhin fällt sie mir um den Hals, will mich auf die Wange küssen. Bewegend und befremdlich zugleich. 

Wir kommen an einer Klinik, an mehreren Imbissen, sogar an einem Friseursalon und Klamotten-Geschäften vorbei. Es scheint hier alles zu geben – alles, und doch komplett anders als in meinem Leben. Wenn ich Lebensmittel einkaufen will, stehen mir unzählige Geschäften zur Verfügung. Ich kann vegane Schnitzel, laktosefreien Milchkaffe, Früchte aus aller Welt kaufen. Wenn ich einen neuen Haarschnitt möchte, gibt es eine riesige Auswahl an Salons (auch wenn ich ausschließlich zu einem Friseur gehe, zudem nur bei bestimmten Tierkreiszeichen, Stichwort „Mondkalender“). Und hier? Hier steht der wahrscheinlich einzige Hairdresser in einer winzigen Blechhütte. Was für ein Kontrast. 

Langa ist das älteste Township von Kapstadt, bereits vor der Apartheid wurde es für Schwarze errichtet – heute leben dort 80.000 bis 100.000 Menschen. Die Tatsache, dass Menschen aufgrund ihrer Hautfarbe aus der Stadt vertrieben und in separaten Vierteln „verstaut“ wurden, ist einfach furchtbar. Was maßen sich Menschen nur an? Diese Frage beschäftigt mich immer und immer wieder. 

Richtig emotional wird es, als wir das ehemalige Langa Pass Office besuchen. Während der Apartheid mussten die Schwarzen einen Ausweis mit sich führen, den „Dompas“, eine Art Arbeitserlaubnis. Mit dem Dompas wurden Schwarze in den Stadtgebieten der Weißen als Gastarbeiter geduldet. Wer den Pass nicht bei sich hatte, wurde bestraft, eingesperrt. Buntu zeigt uns ein Original-Dokument. Im Jahre 1960, während eines Aufstands, verbrannten rund 50.000 Menschen als Zeichen des Widerstands gegen die Apartheid das menschenverachtende Dokument. Das Langa Pass Office ist heute ein Museum.

Meine Gedanken rattern, ich bin entsetzt, wütend, tief berührt. Viel Zeit zum Nachdenken bleibt mir aber gar nicht. Wir biegen in eine Straße, gleich neben einigen Blechhütten – überall hängt Wäsche – ist ein großer, rußiger Platz. Überwiegend werkeln hier Damen, ihre Gesichter sind mit gelber Farbe beschmiert, das schützt vor der Hitze. Das hier, das ist der Fleischmarkt von Langa. Auf den Feuerstellen werden Schafsköpfe geräuchert – der Anblick und der Geruch machen mir schwer zu schaffen. Ich habe das Gefühl, gleich ohnmächtig zu werden und stelle mich vorsorglich etwas abseits. Die Frauen servieren das Fleisch, ich könnte kosten. Es war mir nicht möglich. 

Wir haben die Ehre und dürfen das Zuhause von Buntu besichtigen. Ich freue mich, gleichzeitig ist es komisch. Ob ich möchte, dass Fremde meine vier Wände angucken? Eher nicht… Als ich sein Heim betrete, stehe ich in einem recht großen Raum, bis auf zwei Tische und Bänke steht dort kein Mobiliar. Zwei Frauen sitzen vor einer großen Schüssel mit Wasser und waschen Wäsche. Sie singen, es klingt so gut gelaunt. Ich bin beeindruckt. Gleich darf ich noch eines der Schlafzimmer besichtigen und das Wohnzimmer – wenig Platz für viele Menschen. Überhaupt, das Häuschen teilen sich zwei Familien. In Deutschland jammert man, wenn man alleine nur 50 Quadratmeter zur Verfügung hat. Puh. 

Bevor wir Langa endgültig verlassen, stöbere ich noch an einem Stand, es gibt allerlei Schmuck, Holzgiraffen und Taschen. Selbst in Langa hätte ich shoppen können. Doch ich bin erst einmal beschäftigt mit der bekannten Frage: Kann man hier glücklich sein? Die Menschen, die ich hier getroffen haben, bestätigen: Ja. Viele der Bewohner von Langa, so erfahre ich es von Buntu, möchten hier gar nicht weg. Es ist wohl alles eine Sache der Gewohnheit? Man ist geprägt von den Umständen, in denen man aufgewachsen ist? Bestimmt. Und glücklich und unglücklich kann man wohl (fast) überall sein, das Leben und meine Reisen haben mich dies gelehrt. Außerdem machen solche Erlebnisse demütig und dankbar, ich möchte mir das unbedingt im Alltag bewahren. Ebenso den großen Respekt, den ich vor den Menschen in Langa und in anderen Elendsvierteln habe. Von euch können sich viele – inklusive mir – eine Scheibe abschneiden… 

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