Kusadasi – und die Frage nach dem (großen) Glück

Ich bin nicht zum ersten Mal in der Türkei. Nein, es ist sogar meine vierte Reise in das Land auf zwei Kontinenten. Doch mit Side und Antalya, Marmaris sowie Belek besuchte ich bislang Städte, die im Tourismus eine große Rolle spielen. Heute sollte sich das ändern.  

Gespannt sitze ich im Bus. Von Kusadasi – eine Hafenstadt an der türkischen Ägäis, 100 Kilometer südlich von Izmir entfernt – werde ich in das Dorf Bagarcik kutschiert. Dort beginnt später meine Wanderung ins Latmos Gebirge.

Kusadasi

Ich und die Berge… Obwohl ich im Allgäu geboren bin, verspürte ich lange Zeit keinerlei Ambitionen, Gipfel zu erklimmen oder über Tobelwege zu marschieren. Mittlerweile schon eher. Und auf meinen Reisen zog es mich schon immer wieder in die Gebirgswelten.

Kaum verlassen wir Kusadasi, werden die Straßen schmaler und steiler. Meine Ohren fallen zu, wie immer. Es wird grüner und grüner, Zivilisation sieht anders aus. Touristen? Weit und breit nicht. Herrlich. 

Wir passieren auf der knapp zweistündigen Fahrt immer mal wieder ein kleines Dorf. Vor den einfachen Steinhäusern sitzen Männer an Tischen, rauchen, reden. So stellt man sich das irgendwie vor. An der nächsten Kurve sichte ich eine Olivenpresse. Wer hier wohnt, ist bestimmt Selbstversorger. Bis auf ein, zwei Geschäfte mit Brot, Gemüse und Obst gibt es in den Dörfern keine Einkaufsmöglichkeiten. Und der Weg in die Stadt ist weit. Weil ich kein Auto habe, schleppe ich fast täglich ein paar Lebensmittel samt zwei Liter Wasserflaschen nach Hause, stöhne über die Last – und schäme mich jetzt fast ein bisschen.    

Am Wegesrand sichte ich nun schon die vierte Kuh. Sie ist etwas kleiner als die Allgäuer Kollegen. „Hier leben viele freilaufende Kühe“, informiert mich unser Guide. Vier, fünf Mal zeige ihnen der Besitzer den Weg zum Stall, anschließend finden die Tiere täglich ihren Weg zum Stall alleine. Ich bin fasziniert.  Sieben Kilometer vor Bagarcik machen wir eine kurze Rast. Pipi-Stopp. Oder wie unser Guide sagt: Sanitäre Pause. Wir dürfen in einem kleinen Café auf die Toilette und bekommen Çay-Tee, das türkische Nationalgetränk, serviert.

Es wirkt hier alles sehr familiär. Im Garten bewundere ich Auberginen und Zucchini, und auch das Klo befindet sich im Garten. Ein kleiner Verschlag mit einem Loch im Boden – aber es gibt Klopapier. Während ich mir anschließend am Wasserhahn unter freiem Himmel die Hände wasche, werde ich sehr nachdenklich. Hier leben Menschen in einfachsten Verhältnissen. Kann man so glücklich sein? Ich sinniere ich über meinen Lebensstil. Ohne Smartphone, Whatsapp und Internet fühle ich mich wie ein halber Mensch. Auf Laufevents und Shopping zu verzichten? Schwierig. Doch macht das alles das große Glück aus… ?    

Das große Glück, was ist das überhaupt? Ich bin kein Hobby-Psychologe, aber wer beschäftigt sich nicht mit dieser Frage? Das große Glück ist für mich meine Mama und unser super tolles Verhältnis, Gesundheit, Freiheit, laufen, meine Marathons. Und natürlich meine Freunde und das Reisen. Berufliche Erfüllung – die ich mal habe, oft auch nicht. 

Aber ich kenne auch dieses „Aber“. Und das „Wenn, dann“ und “hätte” – fiese Glückskiller. Dicht gefolgt vom ständigen Messen und Vergleichen (und Neiden?) mit anderen. Facebook, Instagram und Co. sei Dank. Ach ja, da wäre noch das sich benachteiligt oder vom Leben ungerecht behandelt fühlen. Ich würde ja gern, kann aber nicht….

Meine Mama sagt, wir sind Schöpfer und nicht Opfer. Der Dirigent auf der eigenen Lebensbühne. Und ich glaube ihr. Und ich arbeite daran, es noch viel mehr zu glauben. Neben Familie, Liebe und Gesundheit ist für mich der größte Glücksfaktor Dinge zu tun, die mich begeistern. Nach denen ich brenne. Die ich mit Herzblut anpacken kann. Unabhängig von anderen.    

Macht man eine Glücksliste, sind es oft viele kleine Dinge, die einen erfreuen. Am Strand laufen, in eine Butterbreze beißen, der erste Schluck Kaffee am Morgen, Kaffee riechen, eine Umarmung, flauschige Socken im Winter, Rosamunde Pilcher gucken, über totalen Schwachsinn zu lachen, Menschen zu treffen, die über den selben Schwachsinn lachen können, Schlager hören, Sonne, hundemüde ins Bett fallen, wenn man ausschlafen kann, mich an Karneval zu verkleiden, in meine Heimat zu fahren, rutschen, einer alten Dame über die Straße helfen, Elefanten, wenn der Postbote ein Care-Paket von Mama bringt. Zum Beispiel.

Wenn ich an meine Reise in die türkischen Berge denke, dann fallen mir sofort die Begegnung mit den Kühen, das witzige Gesicht des Esels, der Çay-Tee – der mir eigentlich nicht schmeckt, mit zwei Stücken Zucker schließlich doch saulecker war, ein. Die Luft. Die atemberaubende Natur. Die Begegnung mit den Menschen, deren Sprache ich zwar nicht verstanden habe, ihre Gastfreundschaft und das herzliche Lächeln mich trotzdem total berührt haben. Das alles hat mir ein Glücksgefühl beschert. Und mir zudem die Antwort auf eine meiner Fragen gegeben: Ja, diese Menschen wissen garantiert, wie sich Glück anfühlt. Das kleine – und das große.

Eine Antwort

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