Nervenkitzel auf dem Caminito del Rey

„Nein, das mache ich nicht. Niemals.”  

Doch nun stehe ich hier und versuche meine Haare unter dem Helm zu verstauen. Ich bin mal wieder die Letzte, meine Gruppe ist schon bereit zum Abmarsch. Hastig zurre ich den Riemen ganz eng. Auf dass mir der Kopfschutz ja nicht von der Rübe fällt.

Am Eingang müssen wir unser Ticket abgeben. Pro Tag sind hier nur maximal 600 Besucher erlaubt, außerdem ist eine Vorregistrierung erforderlich. „Für den Fall, dass man stirbt“, habe ich mir sagen lassen. Sehr beruhigend! Ich will in diesem Leben aber noch den Marathon unter drei Stunden laufen – von daher muss ich wieder zurückkommen. Basta.  

Noch 1,5 km Schonfrist

Der Caminito del Rey, der im Dorf El Chorro nahe Málaga beginnt, galt einst als der gefährlichste Wanderpfad der Welt. Denn auf dem Weg, den einst auch König Alfonso XIII bewältigte – daher der Name „Königsweg“ – , kamen mehrere Menschen ums Leben. Die Reaktion auf diese Unfälle: 2001 wurde die Schlucht geschlossen und nach umfassenden Renovierungsarbeiten im März 2015 wieder eröffnet. Nun ist der Caminito del Rey sicher. Heißt es. Und es heißt ebenfalls, man sollte schwindelfrei sein. Was ich nicht bin.  

Wir marschieren los. Mein Eisfinger tauen langsam auf, ich fühle mich sogar ein bisschen wohl. Zwar lässt die erste Schlucht nicht lange auf sich warten, aber die Höhenmeter sind recht human. Ich kann sogar einen Blick nach unten wagen – und bin stolz wie Bolle. Alle paar Meter bleiben wir stehen, schießen Fotos. Der Laufsteg ist sehr schmal, links und rechts säumt ihn ein Geländer. Anfangs klammere ich mich verkrampft fest, sicher ist sicher. Doch ich merke schnell: Der Pfad ist gut gesichert. Selbst wenn ich ohnmächtig umkippe, falle ich nicht hinunter. Einmal kommen wir an einer Stelle vorbei, an der man durch einen Glasboden nach unten gucken kann. Ich verzichte.  

Der Caminito del Rey ist knapp acht Kilometer lang. Je nachdem, wie schnell man läuft (beziehungsweise wie viele Fotostopps man macht), dauert die Wanderung zwischen zwei und vier Stunden. Eine gewisse körperliche Fitness ist von Vorteil, aber hier geht es nicht um Sport. Den Helm trägt man übrigens, um vor möglichem Steinschlag geschützt zu sein. Nach der ersten Schlucht, fast schon hochnäsig will ich Mickey-Maus-Schlucht sagen, wandern wir auf ganz normalen Wegen. Es ist herrlich. Mitten in der Natur – Ruhe, Idylle, Sonnenschein.

Ab und zu sieht man Reste des früheren Caminito del Rey, dem gefährlichen. Nur der Gedanke an die „alten Zeiten“ lassen mich erschaudern. Ansonsten bin ich wider Erwarten tiefenentspannt. Da vorne scheint die zweite Schlucht zu beginnen. Ohne dass ich es will, werden meine Hände ein bisschen feucht. „War doch vorhin ganz easy“, rede ich mit mir selber. Na gut.

Nichts für schwache Nerven.

Der Weg ist genauso schmal wie vorher. Nun sind aber viel mehr Leute unterwegs. Und die Schlucht ist tiefer. Jeder Zweite bleibt hier stehen und fotografiert. Für mich bedeutet das: ebenfalls stehen bleiben oder überholen. Um zu überholen, muss man an der “Schlucht-Seite” gehen und kann nicht an der schützenden Felsenwand entlang schleichen. Mein Magen kribbelt. Doch es kommt noch besser: Zum krönenden Abschluss muss man über eine Hängebrücke spazieren.

Eine H- ä-n-g-e-b-r-ü-c-k-e. Über einer 100 Meter hohen Schlucht.

Erst will ich stehen bleiben. Durchschnaufen. Mut sammeln. Aber ich kenne mich: Wenn ich anhalte, baut sich meine Angst erst recht auf. Von daher überwinde ich mich: links und rechts festhalten, stock steif und gefühlt in meiner 10 Kilometer-Wettkampf-Pace über dieses wackelige Teil latschen.  

Ich habe es geschafft. I survived.

Als ich den Caminito del Rey kurz darauf verlasse und meinen Helm abnehme, fällt mir ein Stein Fels vom Herzen. Und ich bin echt happy – dass ich meine Angst überwunden und mir dieses Mega-Erlebnis nicht entgehen habe lassen. 

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