Unvergleichlich

Ich sitze auf einer Bank, direkt unter einem Baum. Und genieße. Diese würzige Luft, die nur im Sommer so würzig duftet, großartig! Im Hintergrund höre ich Kuhglocken, ein Klang, der untrennbar mit meiner Kindheit und mit meiner Heimat Allgäu verbunden ist. Ein schönes Gefühl. Es weht ein leichter Wind, den ich als angenehm empfinde. Kein Vergleich zu Hamburg, wo meistens eine recht steife Brise weht. Sieben Jahre habe ich in Summe dort gelebt. Fehlt mir der Norden? Manchmal schon. Aber aktuell möchte ich im Allgäu sein.

Allgäu – Hamburg. Größer könnte der Kontrast gar nicht sein. Berge und Meernähe, Alpen- und Seeluft, Kässpätzle und Franzbrötchen. Griaß di’ und Moin. Was im Allgäu der Huigarte ist, ist in Hamburg der Klönschnack. Oft wurde ich schon gefragt, wo es mir besser gefällt. Wo es denn schöner sei. Ein Vergleich ist dabei kaum möglich. Jeder Ort hat seine ganz eigenen Reize, seine Vor- und Nachteile.

Und eigentlich ist das doch mit allem so. Egal, ob unter Orten, Menschen, Tieren, Pflanzen, Berufen, Wohnungen, Eissorten. Man findet Pluspunkte und Minuspunkte. Stärken und Schwächen. Gutes und Schlechtes. Äußerst selten sind diese Bewertungen aber allgemeingültig. Ein Tannenbaum ist nicht schöner als eine Birke, ein Hase ist nicht wertvoller als ein Büffel, Zitroneneis schmeckt nicht besser als Schokoeis (okay, letzteres ist tatsächlich so 😉 ).

Ich habe vor vielen Jahren den Tipp bekommen, ich solle wahrnehmen, aber nicht ständig bewerten. Und ganz ehrlich: Das gelingt mir ab und zu, meistens aber nicht. Und vermutlich ist das bei vielen Menschen ganz genauso. Wir Menschen sind Weltmeister im Bewerten und Vergleichen. Der ist gut, die ist doof. Der ist viel sportlicher als ich, die ist viel klüger als ich. Der hat die perfekte Beziehung, die hat mit ihrem Job doch voll die Arschkarte gezogen.

Wissen wir das denn immer wirklich so genau?

Wie schon erwähnt, ich kann mich davon nicht ausnehmen. Ich bewerte, ich vergleiche. Das ist nun mal so, schließlich bin ich Mensch, könnte man sagen. Stimmt! Aber trotzdem arbeite ich daran. Denn ich bin davon überzeugt, dass Vergleichen einer der sichersten Unglücksgaranten auf dieser Erde ist. Dank Social Media ist es aber zu einer Art Volkssport geworden. An der Stelle sei gesagt, dass ich nicht Anti-Social-Media bin. Ich glaube nur, man muss sich dafür fit machen bzw. fit halten.

So wie ich als Marathonläuferin kontinuierlich an meiner Ausdauer und Schnelligkeit arbeite, muss ich als Social-Media-Nutzerin oder überhaupt als Lebensteilnehmerin den guten Draht zu mir selbst trainieren. Je besser ich mit mir selber kann, desto vergleichsresistenter bin ich.

Außerdem bin ich der Meinung, dass es in den wenigsten Angelegenheiten ein generelles Richtig und Falsch gibt. Klar, ist es (fast) immer falsch, wenn ich jemandem eine reinhaue oder Steuern hinterziehe. Aber in ganz, ganz vielen Lebensbereichen muss ich selbst definieren, was gut und was schlecht ist – für mich ganz persönlich. Wie oft wollte man mich beispielsweise von einer Festanstellung überzeugen. Doch ich bin mit Herzblut Freiberuflerin. Andersrum würde ich keinem raten, sich selbstständig zu machen, wenn er/sie nicht der Typ dafür ist.

Das eigene Richtig und das eigene Falsch zu ergründen, ist teils nicht ganz einfach oft verdammt schwer. Aber ich bin sehr sicher, dass es sich lohnt. Dass es zum Glücklichsein beiträgt. Mindestens genauso sehr wie Zitroneneis.

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